Horta auf Faial

Horta auf Faial

Da bin ich wieder, nach 2.012 Seemeilen (ca. 3.700 km), 17 Tagen und 20 Stunden überglücklich fest in der Marina Horta auf der Azoreninsel Faial! Jaaaaa, ich hab’s geschafft!!! Ein wirklich unbeschreiblich tolles Gefühl!!!
Dies war ja ohnehin das Seestück, vor dem ich den meisten Respekt hatte und durch die Orkan-bedingte Umleitung über Bermuda wurde die Anspannung nicht unbedingt weniger.
3.700 km in 17 Tagen und 20 Stunden macht einen Schnitt von gerademal 8,6 km/h, also etwas schneller als zu Fuß – aber dafür 24/7. Ich glaube, das ist einer der Aspekte, der für mich den besonderen Reiz des Segelns ausmacht: diese unendliche Langsamkeit, die einen trotzdem riesige Ozeane überqueren, ja die ganze Welt umrunden lässt. Ich muss dabei an den Indianer denken, der sich nach seiner ersten Eisenbahnfahrt auf die Schienen setzt, um seiner Seele Gelegenheit zu geben, nachzukommen. Das brauche ich nicht, ich bin derzeit ganz bei mir, glaube ich! Bernard Moitessier (hatte ich schon mal erwähnt, dieser besondere französische Einhandsegler, der Ende der 60er Jahre die Welt umrundet hat) hatte geschrieben, der kürzeste Weg zu sich selbst sei die Überquerung eines Ozeans – das kann ich jetzt durchaus nachvollziehen!

Nach dem ersten Tag mit einigen unschönen überkommenden Wellen (wo dann sowohl ich als auch die Cockpitpolster geduscht wurden und wieder ewig lange trocknen mussten, bzw. durch das Salu nie mehr ganz trocken werden) und Wind aus Nord, hat der Wind in der zweiten Nacht wie angekündigt auf West gedreht, also schöner Schiebewind von hinten – allerdings 5-7 Beaufort mit 8 in Böen und 3 m Welle, so dass die good old Lady ganz schön von links nach rechts rollt und ich Last habe, nicht aus der Koje zu kullern.
Es ist schon am 2. Tag verdammt kalt geworden, nur noch ca. 18°. Zum ersten Mal seit August, dass ich wieder Socken und lange Hose anhabe – menno!
An Angeln ist nicht zu denken auf dem rollenden Schiff – die Zubereitung eines Fischs und das Hantieren mit einem scharfen Messer wäre schon gar nicht möglich. Aber ich habe ja genug zu essen an Bord, das muss ja ohnehin auch mal alles weg – und zur Not ist da ja noch der Schiffszwieback…
Es ist derselbe Ozean und doch ganz anders. Die Fahrt von den Kapverden nach Barbados war ja fast ein meditatives Erlebnis. Obendrein war mit Angeln, Thunfisch-Eskorten, fliegenden Fischen und Seevögeln aller Art ja auch noch richtig was los. Hier ist auch was los – der Wind! Der sorgt zwar für ein gewaltiges Wellenspektakel (manchmal, wenn die good old Lady ganz oben auf einer Welle schwimmt, komme ich mir vor wie auf einem hohen Berg und kann kilometerweit ins Tal sehen – fantastisch!), aber auch dafür, dass das Boot stark von links nach rechts rollt, ich mich ständig irgendwo verkeilen muss und die Essenszubereitung schon recht herausfordernd ist (die Küche bleibt kalt). Und natürlich sorgt er dafür, dass ich gut vorankomme (da war doch noch was)!
Dann mal wieder eine völlige Flaute auf diesem riesigen Meer, kaum zu glauben, fast glatt.
Gestern haben die Delphine gleich zwei Vorstellungen gegeben, mittags und dann noch eine Spätvorstellung. Sehr schön! Und in vielleicht 1 sm Abstand ist ein Wal vorbeigezogen, ich habe aber nur die Blas-Fontänen in regelmäßigem Abstand gesehen.
Wenn ein Schiff recht nah vorbeikommt (bisher 3 x) funke ich es immer an und frage, ob sie mich auf dem Radar haben. „Jetzt ja“ ist dann eigentlich nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Außerdem frage ich, ob ich ein kurzes Wetterupdate bekommen kann – sehr praktisch. Eben gerade den Frachter habe ich noch gefragt, ob ich meinen aktiven Radarreflektor (der ein empfangenes Radarecho verstärkt zurück sendet) mal aus- und wiederanschalten kann und er mir sagt, wie der Unterschied ist. Ich sei deutlich größer und klarer zu erkennen – also eine gute Investition!
Am 11. Tag auf See hatte ich morgens zum ersten Mal seit November letzten Jahres wieder Tau an Deck – ein untrügliches Zeichen, dass ich mich Europa nähere!
Seit 2 Tagen fahre ich jetzt bei wenig Wind (ca. 10 kn) Schmetterling vor dem Wind, also das Großsegel auf der einen Seite, das Vorsegel ausgebaumt auf der anderen, so ca. 4,5 Knoten schnell (bzw. eher langsam). Manchmal, wenn das gerade mit der Welle passt, gleitet die good old Lady völlig geräuschlos dahin. Im Cockpit ist es dann fast windstill und wenn ich in der Koje liege und durch den Niedergang hinausschaue, sehe ich die Flagge am Flaggenstock in absoluter Stille durch die Wolken tanzen. Herrlich!
Wenn ich hier im Cockpit, bzw. meistens unten im „Salon“ (heißt nun mal so…) sitze, muss ich ständig an irgendwelche Erlebnisse der letzten Monate denken, und mir werden die Augen feucht… Ich bin mal gespannt, wann ich das alles verarbeitet bekomme…
Es sind jetzt noch knapp 500 sm bis Faial und nun beginnt ein bisschen die Pokerei: ich habe bisher fast die direkte Linie von Bermuda zu den Azoren anliegen können, aber vor 3 Tagen wurde für morgen Wind aus Nordost angesagt – also genau von vorne. Daher fahre ich seit 3 Tagen nicht mehr auf Faial zu, sondern versuche Höhe nach Norden zu gewinnen, um dann hoch am Wind mit dem Nordost zu den Azoren zu kommen und nicht wieder zu weit südlich abfallen müssen. Das ist dann zwar mehr Strecke, aber die segelbar, ohne gegenan bolzen zu müssen – wenn die Vorhersage stimmt und ich schnell genug zur berechneten Zeit am berechneten Ort bin! Morgen weiß ich, ob es aufgegangen ist!
Das „Höhe machen“ war gut, aber leider bin ich nicht hoch genug gekommen, bevor der NO einsetzte – werde also wieder ziemlich nach SO versetzt, muss also später eine ziemliche Strecke irgendwie nach N kommen.
Jiphii, heute Morgen, es sind noch 250 sm, raumt der Wind etwas, also die Nordkomponente im NO wird etwas größer und ich werde nicht mehr so weit nach Süden versetzt. Jetzt wäre Wind aus 0°, also genau aus Norden, ideal. Der soll heute Abend kommen.
Ich habe eben, am 14. Tag, den letzten Apfel gegessen, mir gestern mit der letzten Gurke den letzten Salat gemacht und habe an frischen Sachen jetzt noch 4 Zwiebeln und 1 Knoblauchknolle. Das hat dann ja ganz gut hingehauen, wobei mir 2 Gurken und 5 Tomaten aus Bermuda leider vergammelt sind. Das Zeug liegt da im Laden in der Kühlung und hält dann bei Kajütentemperatur einfach nicht mehr lange durch.
Bei der Rollreffanlage habe ich mich vor einigen Tagen von der eigentlichen Funktion verabschiedet, weil das Glanzlicht britischer Ingenieurskunst gleich am ersten Tag bereits die schöne Schot angenagt hatte, die die Oldenburger mir netterweise geschenkt hatten. Ich wickle jetzt die Rollreffleine einfach außen um das Aluprofil – wenn 0 Druck auf dem Segel ist und ich mich mit beiden Beinen an der hinteren Kajütwand abstütze, kann ich das Segel so ganz gut aufwickeln.
Ach ja, die Oldenburger haben mir gestern Abend per Satelliten-SMS geschrieben. Sie wollten eigentlich von Bermuda bis Wilhelmshaven durchfahren (das Ausklarieren auf Bermuda hatten wir zussmmen gemacht. Die Frau hinterm Schalter hatte uns gefragt, wo’s denn als nächstes hingeht – und als sie Wilhelmshaven hörte, nur gesagt, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen: „Mercy“ und dann ein wenig später nochmal „Mercy“). Jedenfalls haben sie unterwegs irgendwelche Probleme mit den Segeln bekommen und nun doch Horta auf Faial angelaufen – wir weden uns dort also wiedersehen. Einerseits natürlich nett, andererseits hoffe ich, dass sich ihr Segelproblem rasch lösen lässt. Dabei muss ich an „Asterix bei den Olympischen Spielen“ denken: „Schön, im Ausland Bekannte zu treffen“, als die Gallier in Athen auf einen Zenurio und einen Legionär aus einem der befestigten Römerlager treffen, die auf das gallische Dorf aufpassen sollen und sich für die Teilnahme an den Spielen qualifiziert hatten.
Jetzt, am 15. Tag sind es noch 222 sm. Der Wind hat tatsächlich eben, als ich Faial auf 90° hatte, auf Nord gedreht, so dass ich nicht weiter nach Süden abfallen muss (und die Strecke später wieder rauf muss), sondern kann mit halbem Wind und Rauschefahrt auf Faial zuhalten. Herrliches Dahingleiten, ohne diese elenden Bocksprünge und Cockpitduschen wie bei hoch am Wind! Übermorgen Abend (Freitag) könnte ich ankommen – wenn der Wind nicht morgen Nachmittag wieder auf NO drehen wird und später sogar auf O, wie gestern angekündigt.
Tja, war wohl nix, der Wind hat tatsächlich auf NO gedreht und ich fahre nach SO – also weg von Faial. Während es gestern am 15. Tag nur noch 222 sm waren, sind es jetzt, am 16. Tag, immer noch 209 sm. Dabei habe ich seit gestern über 105 sm zurückgelegt! Diese ganze Rechnerei, wie lange es wohl noch dauert, bringt irgendwie gar nichts, weil der Wind einem dann doch wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Aber trotzdem sitze ich schon wieder über der Karte und überlege, dass wenn der Wind in 15 h dreht und ich bis dahin die und die Strecke zurückgelegt habe und dann den Winkel zum Wind habe, könnte ich dann und dann ankommen… Macht ja auch Spaß… Und es ist ja Urlaub!
Als letztes großes Seestück liegen ja noch die 1.250 sm nach Falmouth in Südwestengland vor mir – aber nun werde ich erstmal die Azoren genießen.
Und ein Anlegebier trinken! Wohlsein!
Ach ja, und es gibt gleich das Fläschchen Jura-Whisky, das die Vorbesitzer der good old Lady mir netterweise bei der Übernahme an Bord gelassen hatten! Und die treue good old Teal Lady bekommt natürlich auch einen Schluck ab und meine treue Aries-Windfahnensteuerung ebenso – und der gute alte Atlantik natürlich auch!
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8 thoughts on “Horta auf Faial

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      Super! Das Anlegebier hast du dir verdient! 🍻 Trink für mich eins mit – und willkommen zurück in Europa! Danke, das du deine Ankunft so schnell vermeldet hast – ist beruhigend zu wissen, dasdu heil gelandet bist! 😃😉

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      juchhu, du hast wieder Land unter den Füßen. Ich gratuliere zur gelungenen Überfahrt und freue mich auf deine weiteren Erlebnisberichte. Bleib behütet.

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      Schön, dass du wieder da bist! 🤗

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      Wir hatten ja schon telefoniert und habe jetzt „nur mal so“ den Blog aufgerufen, ohne schon ein Ergebnis erwartet zu haben. Du warst ja wieder richtig fleißig, denn bei dem Geschaukel wirst du kaum unterwegs schriftstellerisch tätig gewesen sein.
      Mal wieder spannende Beschreibungen. Hoffentlich bleibt bei den Whiskey-Spenden auch noch was für den Skipper übrig.
      Genieße nun mal erst den Urlaub auf den Azoren und die erste warme Mahlzeit im Verwöhn-Restaurant.

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      Eigentlich unglaublich, dass du das mit teal und aries, aber ohne rollreff so gut geschafft hast, aber wenn WIR nicht daran geglaubt hätten, dass DU das schaffst, hätten wir diese Zeit wohl nicht überlebt.
      Toll, also ehrlich! 👍👍👍

      Aber sag mal, meinte die Ausklarierdame auf Bermuda echt „mercy“ im englischen Sinn, weil sie Wilhelmshaven kennt? Oder hat sie mercy mit merci verwechselt 🤣

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      Yuhuuu – herzlich willkommen zurück in Europa lieber Dirk. Du kannst soooo stolz auf Dich sein – Wahnsinn! Hut ab! Weiterhin viel Spaß beim genießen Deiner „Auszeit“. Liebe Grüße

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      Wonderful news that you have made it to the Azores. So pleased. Your photos are beautiful too. Enjoy the Azores.

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      Ich kann es nicht glauben, Du hast Dir das Beste (den Schiffszwieback) bis zuletzt aufgehoben. Willkommen zurück.

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